Nicht jedes Material hat das Potential dazu, aber in
immer mehr Bildern aus der letzteren Schaffensperiode ist es gelungen, den Betrachter mit
einer Illusion zu konfrontieren.Das Bild, das er sieht, ist nicht das
Bild, das es ist. Welche Form des Bildes er sieht, hängt vom Zusammenwirken folgender
Faktoren ab:
a) mit
der Veränderung des Blickwinkels des Betrachters, indem er im Raum unterschiedliche
Positionen zum Bild einnimmt , kann
b) er
verschiedene Möglichkeiten erfahren, in denen sich das Bild vermittelt
c) mit
dem Weglassen oder Hinzuziehen von Licht überhaupt sowie auch
d) über
verschiedene Positionen und Einstrahlwinkel der Lichtquelle verändert sich die
Bildwirklichkeit.
Das bedeutet zusammengefasst, dass sich die
unterschiedlichen Wahrnehmungsdimensionen dem Betrachter nur erschließen, wenn er die
traditionelle frontale Position der Bildbetrachtung aufgibt und seine Position im Raum als
auch mitunter seine Körperhaltung gegenüber dem Bild verändert. Zusätzliche
Veränderungen der Beleuchtungseinflüsse eröffnen noch weitere Entdeckungen in der
Bilderscheinung und Wahrnehmung.
Um das Potential dieser verschiedenen
Wahrnehmungsebenen zu entdecken und aus dem Material herauszuarbeiten, war eine Reihe von
Entwicklungsjahren notwendig, so dass die Bilder aus den früheren Epochen diese Effekte
zum Teil gar nicht und zum Teil in noch recht geringem Maße aufweisen. Auch die Anzahl
der potentiellen Möglichkeiten mehrschichtiger Bildwahrnehmung ist von Arbeit zu Arbeit
unterschiedlich.
Da eine Kamera nur die augenblickliche, subjektiv
gewählte Position des Fotografierenden, nicht aber auch gleichzeitig die anderen im Bild
enthaltenen Möglichkeiten wiedergibt, zeigt die Fotografie nur eine der potentiellen
Bildwirklichkeiten. Was die fotografische Wiedergabe ebenfalls nicht leisten kann , ist
das sinnliche Erleben durch die haptische und taktile Beschaffenheit des Trägermaterials
der Farbe.
Je nachdem, ob sich die Arbeiten unter einer Glasplatte
befinden oder ohne Glas einen mehr reliefartigen Charakter haben, wirken sie
geheimnisvoller oder (scheinbar) leichter zugänglich.
Meine Bilder sind ungegenständlich und nie als
Abbildung einer sichtbaren Umwelt gedacht. Zunächst als nonverbaler Ausdruck des
subjektiven Unbewussten geschaffen lösen sie im Betrachter eigene Assoziationen und
emotionale Reaktionen aus dessen Unterbewusstsein aus. Diese können den Bildern weitere
Interpretationsebenen hinzufügen, die in der aktuellen emotionalen Erlebenssituation der
Künstlerin weder im Vordergrund steht noch während des kreativen Prozesses abrufbar ist,
für den Betrachter im Bild aber potential vorhanden ist. Dieser Umstand hebt die Bilder
aus einem subjektiven Bilderleben auf eine allgemeinere Bedeutungsebene hinauf.
Eine große Schwierigkeit liegt vorab im Auffinden von
geeignetem Material, das das Potential für die Schaffung von Wahrnehmungsillusionen in
sich trägt.
Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dem Material
diese Facetten über die Bildkomposition abzuringen. Das Material bleibt bei diesem Kampf
übrigens letztendlich der Sieger, weshalb die jeweilige Bildkomposition über das
Materialarrangement nicht wiederholbar ist.
Eine entscheidende Größe im Zusammenspiel ist das
Licht. Bei Tageslicht erscheinen manche Bilder grau, silbern oder schwarz-weiß und
offenbaren erst bei Kunstlicht das Vorhandensein der gesamten Spektralfarbpalette. Alle
Bilder sind ausschließlich bei Kunstlicht entstanden und erreichen auch damit erst ihre
volle Brillianz. Die unterschiedlichen Ausstrahlungsebenen, die das Bild in sich birgt,
sind bei unterschiedlichen Beleuchtungsquellen von künstlichem Licht am ehesten
entdeckbar sowohl bei der Herstellung als auch bei der Betrachtung. Deshalb bedarf der
Ort, an dem das Bild aufgehängt werden soll, Lichtquellen, die sich eignen, dem Bild
seine Geheimnisse zu entlocken.
Die sich unter Glas befindlichen Stoffe sind nur
gelegt, nicht durch Kleben oder Nähen fixiert und werden nur durch den Bildhalter in
ihrer Lage gehalten. Wer den Rahmen öffnet, zerstört das Bild unwiederbringbar. Die
Technik bei den Bildern ohne Glas oder Rahmen ist anders. Doch auch für diese Bilder
gilt: ein jedes ist ein Unikat und nicht wiederholbar. Selbst wenn ich es versuchen
würde, mein eigenes Bild zu kopieren, würde sich das Material nie zweimal gleich
verhalten.
Ein besonderes Problem stellt für mich die Erwartung
des Betrachters hinsichtlich eines Bildtitels dar. Bei einem Großteil der Arbeiten habe
ich auf einen solchen verzichtet, um den Betrachter nicht in seinem Dialog mit dem Bild
einzuschränken oder seine Neugier auf den bildnerischen Inhalt in bestimmte Richtungen zu
lenken und zu fixieren. Die Bilder stellen keine Abbildung der sichtbaren Wirklichkeit
dar. Wenn sich wie bei einem geringeren Teil der Arbeiten eine bildhafte Assoziation
aufdrängt versehe ich diese auch mit entsprechenden Titeln, wie z.B. Die
Wolfsfrau" oder "Undercover"
Niemals gestalten sich die Bilder ohne Musik, wobei man
nicht von einem Umsetzen der Musik ins Bildhafte sprechen kann. Eher stellt ganz
unterschiedliche Musik den Katalysator für den kreativen Prozess .In den meisten Fällen
haben die Bilder keine Titel, weil sie selbst das Medium sind und das, was sie
übermitteln, nicht durch eine verbale Interpretationshilfe vorweggenommen oder
vereinfacht werden soll. Vielmehr möge sich der Betrachter Zeit lassen und sich auf ein
Zwiegespräch mit dem Bild einlassen, um hinter der zunächst auf ihn einwirkenden
Ästhetik von Material und Farben eine emotionale Dimension zu erspüren.
Vor
zwölf Jahren begann mein künstlerischer Werdegang zunächst mit farbigen
Flächenkompositionen, die wohldurchdachten und ausgefeilten Gestaltungsregeln gehorchten
und auf formale Spannungen angelegt waren. Inzwischen habe ich aber eine Bildsprache
entwickelt, die über den oben verwandten Arbeitsbegriff Farbcollagen"
hinausgeht. Das Entdecken, Erfahren, manchmal auch nur Erahnen, das Hinterfragen,
Relativieren, Sichhingezogen- oder auch auf Distanzgehalten-Fühlen von vertrauten und
fremdartigen Menschen und Landschaften auf Reisen durch fünf Kontinente findet in meinen
Bildern ihren emotionalen Ausdruck. Über die starke Sinnlichkeit des mitgebrachten
Materials vermittelt sich Geheimnisvolles, Beängstigendes, Mystisches, Zauberhaftes,
Erotisches und Traumhaftes, in das der Betrachter seine eigene Welt mit einbringen kann.
Obwohl die Fotos für die Galerie von einem
professionellen Photografen gemacht worden sind, reicht ihr Eindruck nicht an den
Erlebensprozess des Individuums im Zwiegespräch mit dem Bild heran.
Angelika Hecht-Schneewolf |